Dr. Hans-Wolfgang
Bayer, Kulturamt der Stadt Memmingen
Anna Ottmann „AKTive chiffren“
I. Sie
dürfen ruhig stutzen, wenn ich sage, die Gemälde von Anna Ottmann sind nicht
eigentlich gemalt. Und dies nicht nur deshalb, weil der Pinsel bei ihrer Arbeit
nur eine untergeordnete Rolle spielt. Es ist vielmehr so, wie es der
Theaterintendant Norbert Hilchenbach einmal formulierte: „die Bilder ereignen
sich – sowohl im Moment des Schaffens wie auch in der Betrachtung“. Sie geben
eine Wahrnehmungsspielraum frei, der unsere Phantasie anregt, Assoziationen
auslöst und uns zwischen Gefühl und Verstand hin und hertreibt. Bevor ich daran
gehe, Ihnen diese Einschätzung näher zu erläutern, darf ich Technisches und
damit auch die Sache mit dem fehlenden Malgerät, noch mal aufgreifen. Für
ihre Arbeiten verwendet die Künstlerin neben Grafit und Kohle gerne natürliche
Pigmente. Diese sammelt sie selbst aus der Erde ihrer Urlaubs- und Studienziele
und schlemmt sie. Als Untergrund dienen verschiedene Materialien wie Buchdruckerpapier,
Holz oder Nessel. Grundierung sind eher dünn, hier kommt tatsächlich ein Pinsel
zum Einsatz, die Eigenheit des Materials bleibt, aber immer sichtbar und Bestandteil
der Bildgestaltung. Die
Farbe wird aus Ei, Leinöl und Pigment zur Ei-Tempera angerührt und mit Wasser
vermalt. Dies trocknet dann wasserunlöslich auf. Aufgetragen wird nun tatsächlich
mit Fingern und Händen. Damit
nähern wir uns vehement dem Credo der expressiven Malerei, das auch für Anna
Ottmann eine ständige Herausforderung ist: die unmittelbare, direkte Übertragung der Emotion. In der Kunstgeschichte
wird dies meist mit den Bezeichnungen abstrakter Expressionismus, oder
informel-Kunst oder auch „art informel“ in Begriffe gegossen. Ziel ist, den
Abstand zwischen Betrachter und Bild so weit es geht zu verkürzen. Das
alte Unbehagen, das Lessing in „Emilia Galotti“ beschreibt – „auf
dem Weg aus dem Auge durch den Arm in den Pinsel, WIEVIEL geht da verloren!“
-, treibt auch unsere Künstlerin um. Linien, Farben und Gestus sollen helfen,
damit eine möglichst unmittelbare Übertragung des Erlebnisses ins Bild gelingt.
Spontaneität und Reflexion, Vehemenz und Verhaltenheit, dramatische Aktion und
ruhige Bedachtsamkeit spiegeln sich in diesen Bildern wieder. Die Bildfläche zeichnet
Energien und Zustände der Malerin wie in einem Seismograph auf. Der
Arbeitsprozess unterliegt dabei keinen starren Regeln, er folgt mitunter auch
Prozessen des Unbewussten. Eine künstlerische Haltung also, die das klassische
Form- und Kompositionsprinzip ebenso ablehnt, wie die geometrische Abstraktion.
Farbe und andere bildnerische Materialien werden vielmehr autonom eingesetzt.
Die Linien stellen nur sich selbst dar und beziehen ihre ästhetische
Legitimität einzig und allein aus dem Duktus und den Spuren, die Bleistift und
Kreiden auf dem Papier hinterlassen.
Zu
dem im April diesen Jahres 83-jährig verstorbenen Maler Cy Twombly, einem der
maßgeblichen Vertreter des abstrakten Expressionismus, - und an ihn darf man
sich hier ruhig erinnert fühlen -, zu ihm schrieb ein Kritiker: „er bietet dem
Betrachter in seinen Bildern nicht mehr als „Köder
einer Bedeutung“ an“. Solche Köder legt auch Anna Ottmann aus – für unsere
Suche nach der Geschichte -, nach der Bedeutung hinter der Andeutung.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors
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